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MARTINSWERK e.V. Gemeinnütziger Verein zur Wohnraumbeschaffung in Berlin |
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Geschichte und Selbstverständnis des Martinswerks in Berlin Aufbruch '68 Die Idee, größere Wohnungen anzumieten und an Wohngemeinschaften unterzuvermieten, entstand in der ESG-Gruppe der TU-Berlin, nachdem sie verschiedene Hilfegesuche der Bewohnerlnnen des Studentenwohnheims Dauerwaldweg erreicht hatte.Dieses Studentenwohnheim hatte nach seiner Satzung primär die Funktion, solchen Studentinnen, die es aufgrund von Unkenntnis und Sprachschwierigkeiten besonders schwer auf dem Berliner Wohnungsmarkt hatten (Studentinnen aus der DDR und andere AusländerInnen) eine vorübergehende Bleibe zu bieten. Daher war das Aufenthaltsrecht in der Regel auf zwei Jahre begrenzt. Viele StudentInnen empfanden es als schmerzhaft, nach den Erfahrungen des kollektiven Wohnens wieder ausziehen und, wie damals üblich, möbliert und allein wohnen zu müssen. Sie wünschten sich eine Möglichkeit, „das neue Wohnverhalten in ähnlicher Weise fortführen zu können“. Taten sie sich jedoch zusammen, um eine Wohngemeinschaft zu gründen, stießen sie auf schier unüberwindliche Schwierigkeiten. 1970 wurden Wohngemeinschaften, ein Begriff, der gerade erst aufkam, noch keineswegs als normaler Bestandteil studentischen Lebens angesehen. Die Wohngemeinschaften waren die Nachfolger der Kommunen, deren erste Gründungen, Kommune 1 (1966) und Kommune II (1967), ebenfalls in Berlin stattgefunden, und geradezu eine — vorwiegend von der Springerpresse angefachte — Hysterie unter der Berliner Bevölkerung ausgelöst hatten. Die Kommunardlnnen attackierten das Privateigentum und die staatliche, die sexuelle und überhaupt jede Ordnung und griffen zum Mittel der „subversiven Aktion“. Entgegen weit verbreiteter Meinungen setzten die Wohngemeinschaften diese Tradition jedoch nicht ungebrochen fort. Hauptmotiv, in eine Wohngemeinschaft zu ziehen, war häufig nicht mehr so sehr die persönliche Befreiung von bürgerlichen Verhaltensweisen, sondern die Überwindung von Isolation und gewisse materielle Vorteile durch z. B. gemeinsame Nutzung teurer Konsumgüter wie Autos, Fernseher, Waschmaschinen. Aufgrund dieser moderaten, politisch weniger radikalen oder wie es auch hieß, pragmatischen Ausrichtung kann wohl angenommen werden, daß die Bereitschaft von StudentInnen, in eine Wohngemeinschaft zu ziehen, wesentlich größer war, als in einer Kommune zu leben. Das hieß jedoch nicht, daß auch die Abneigung der Vermieter, an Wohngruppen zu vermieten, gesunken wäre. Großwohnungen waren auch damals nicht leicht zu bekommen. Wenn das jedoch trotzdem möglich war, scheiterte ein Mietvertrag häufig an finanziellen Problemen: entweder an der hohen Miete oder Kaution (eine bis heute existierende Berliner Spezialität) oder an nicht vorhandenen Mietbürgschaften. Als auch noch der Senat dieser Blokade Vorschub leistete, indem er die Hausverwaltungen davor warnte, an Wohngemeinschaften zu vermieten, beschloß man in der ESG zu handeln. Da die Grundfunktion des Studentenwohnheims nicht verändert, d.h. das zeitlich begrenzte Wohnrecht nicht verlängert werden konnte, war nur eine Lösung außerhalb des Heims möglich. Die ESG entwickelte das Martinswerk-Modell: Das Martinswerk sollte gegenüber potentiellen Vermietern als seriöser und solventer Haupt- oder Zwischenmieter auftreten und die für WGs geeigneten Großwohnungen anmieten, um sie dann an die Wohngruppen weiterzuvermieten. Akzeptanz "alternativer" Lebensformen: Eine Brücke mit Hilfe der Kirche Aus dieser Aufgabenstellung erklärt sich bereits, daß der Verein nicht rein studentisch sein konnte, sondern Persönlichkeiten mit einer gewissen „Respektabilität“ hinzugezogen werden mußten. Neben Vertreterinnen aus den WGs und der Geschäftsführung gehörten die jeweiligen Studentenpfarrer der TU zum Vereinsvorstand und stellten in der Regel den ersten oder zweiten Vorsitzenden. Es begann mit dem Vereinsmitbegründer Reinhard Tietz, der als Kuratoriumsmitglied des Wohnheims im Dauerwaldweg die Belegung des Heims mitbestimmte und dem von daher die Problematik der ausziehenden Studentinnen gut bekannt war. Seine Nachfolger waren Burkard Weinman, Burkhardt Scheffler und Henrik Plasse. Mit dem langjährigen Vorsitzenden Prof. Wolfgang Karcher befand sich ab 1976 auch ein Hochschullehrer im Vorstand. Weitere Honoratioren gehörten dem Beirat an, den sich der Verein gab. Der Beirat sicherte die für das Martinswerk wichtigen Kontakte zum Konsistorium und zur kirchlichen Hilfswerk-Siedlung. Auch der Name des neuen Vereins mußte unverfänglich und vertrauenserweckend sein. Die StudentInnen benannten den Verein nach dem Heiligen Martin, Bischoff von Tours im 4. Jahrhundert, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt haben soll. Nach dem Modell des Berliner Martinswerks bildeten sich in den folgenden Jahren in mehreren westdeutschen Städten ebenfalls „Martinswerke“. Ehrenamt, Professionalität und Autonomie In der Anfangszeit waren die Haupttätigkeiten des Vereins das Anmieten von Wohnraum und die Verwaltung dieser Wohnungen, d.h. vor allem die pünktliche Mietüberweisung und das Anfertigen von Geschäftsberichten. Diese Arbeiten erledigte eine Geschäftsführung, die sich damals in einem noch durchaus einfachen Zustand befand. Im Verein herrschte die Vorstellung, daß die Wohnungen in Selbstverwaltung, also durch die Mieterinnen bewirtschaftet werden sollten. Dementsprechend waren die ersten Geschäftsführerlnnen ehrenamtliche, „studentische Hilfskräfte“ aus den einzelnen Wohnungen. Ihnen wurden einzelne Arbeitsbereiche zugeteilt, beispielsweise „Geschäftsverkehr mit Buchführung, Geldverkehr, Mahnungen“, „Wohnungskartei und Schriftverkehr“, „Wohnraumbeschaffung“ oder „Sprechstunden“. Der Geschäftsablauf hatte den Nachteil, daß niemand so recht die Übersicht behielt. Daher wurde bald eine reguläre Geschäftsführung für notwendig gehalten. Eine neue Phase der Geschäftsführung begann 1974, als sie auf Honorarbasis umgestellt wurde. Die Bezüge der Honorarkräfte erhöhten sich ständig, da immer höhere Anforderungen, d.h. längere Arbeitszeiten und qualifizierte Arbeit verlangt wurden. Um die Vorstandssitzungen von Alltagsfragen zu entlasten, stellte der Vorstand nach Möglichkeit zwei Geschäftsführerinnen ein, die sich bei anstehenden Problemen besprechen und schnell zu Lösungen kommen konnten. Alle GeschäftsführerInnen dieser Phase, die bis Mitte der 80er Jahre reichte, übten die Geschäftsführung als Nebentätigkeit aus. Die enorme Zunahme der Arbeitsbelastung und Anforderungen an die Qualität der Arbeit, besonders durch den Aufbau von Selbsthilfeprojekten — z.T. in ehemals besetzten Häusern — führte schließlich dazu, daß zunächst eine, später anderthalb feste Stellen eingerichtet wurden. Die Finanzierung der Geschäftsführung aus eigener Kraft war Ausdruck von Autonomie und Unabhängigkeit des Vereins. Eine der wichtigsten Fragen, die den Vorstand dauernd beschäftigte, lautete nach Wolfgang Karcher: „Wie kriegen wir über die Beiträge die Geschäftsführung finanziert?“ Lange Zeit fand die für Geschäftsführungsarbeiten zur Verfügung stehende Anzahl an Honorarstunden in den bescheidenen Monatsbeiträgen der Mitglieder ihre Grenze. Später wurde versucht, durch die Entwicklung neuer Vorhaben, wie etwa die integrativen WGs oder die Dachgeschoßausbauten, auch zur Finanzierung der Geschäftsführung beizutragen. Dies geschah sowohl durch die eingeworbene Anschubfinanzierung als auch durch die Erhöhung des Beitragsaufkommens aufgrund einer vergrößerten Mitgliederzahl. Eine Unterstützung der Geschäftsführung brachten auch die ABM-Stellen, die zweimal mit Erfolg beantragt wurden. Die ABM-Kräfte waren natürlich primär in ihren Spezialprojekten tätig, wurden zuweilen aber auch in das alltägliche Geschehen eingebunden. Die Geschäftsführung auf eine solide finanzielle Basis zu stellen und ihre Arbeit für die Zukunft abzusichern, stößt innerhalb des Vereins auf eine gewisse Zurückhaltung, die mit der Vereinskonstruktion selbst zusammenhängt. So kam es Anfang der 80er Jahre im Vereinsvorstand zu Diskussionen über die Professionalisierung des Vereins als alternativer Sanierungstreuhandträger. Der Vorstand lehnte jedoch eine zu starke Professionalisierung ab, „weil wir befürchteten, daß der besondere Charakter des Vereins dadurch erheblich gefährdet würde“ (Wolfgang Karcher). Intensive Kommunikation an der Basis: Wachsen an der Krise Eine starke, voll professionelle Geschäftsführung hätte zu einer tendenziellen Bevormundung der Mitglieder, aber auch des Vorstands geführt und damit das demokratische Grundprinzip des Vereins verletzt. Dieses Prinzip führte zu einer gewissen Identifikation der Basis mit den Geschicken des Vereins, da die Mitglieder merkten, daß sie den Kurs des Vorstands mitbestimmen konnten. Dies hat dem Verein mindestens einmal die Existenz gerettet, als während der Böckhstraßen-Krise die Mitgliederversammlung beschloß, daß alle Mitglieder den entstandenen Schaden gemeinsam tragen würden. Die Böckhstraßenkrise konnte zwar auch mit Hilfe einer über das Konsistorium erreichten Bürgschaft des Diakonischen Werkes, zuletzt aber solidarisch über die „Sonderbeiträge“ der Mitglieder bewältigt werden. In der Krise zeigte sich auch schon der Vorteil der bestehenden Erbpachtverträge für die Admiralstr. 17 und die Lehrter Str.11, die auch als Besicherung für das „Krisenbewältigungsdarlehen“ dienten. Weiteres Eigentum bildete der Verein mit dem durch Erwerb der „Stiftung Umverteilen“ und Erbpacht gesicherten Projektes Manteuffelstr. 90 und den Kauf des vorher gemieteten Hauses Naunynstr. 58.Folgende große Projekte wurden in eigene, vom Martinswerk als Gesellschafter geführte GmbHs gekleidet, um den Verein so weit wie möglich von den Projektrisiken zu verschonen. So entstanden die Martinswerk in Frankfurt GmbH und die Martinswerk-Wohnprojekt in Potsdam GmbH. Als die in mehreren selbstverwalteten Wohnprojekten des Martinswerks umgesetzte Förderung der baulichen Selbsthilfe abgeschafft wurde, erhielt der Selbsthilfeschwerpunkt im Verein eine noch größere wohnungspolitische Bedeutung: Neben den bewohnergeführten Genossenschaften bietet er die seltene Möglichkeit für Bewohnergruppen oder Menschen, die das kooperative Wohnen und Leben in einer Hausgemeinschaft in weitestgehender Selbstbestimmung anstreben, ohne wesentliches Eigenkapital im Rahmen der „Haftungsassoziation Martinswerk“ Häuser zu erwerben bzw. den Erwerb durch den Verein mitzubestimmen und notwendige Sanierungsmaßnahmen zu finanzieren. Umgesetzt wurde dies bereits mit Projekt Adalbertstr. 26. 2010 kaufte das Martinswerk nach intensiven Diskussionen um das weitere Selbstverständnis insbesondere in der Rolle als solidarische Bewohnervereinigung in einer wachsenden und sich rasant gentrifizierenden Stadt die Erbbaugrundstücke Lehrter Str. 11 und Admiralstraße 17, nicht zuletzt, um die Wirtschaftlichkeit der Grundstücke von der spekulativen Bodenpreissteigerung abzukoppeln. Der Verein hat Interesse und ist bereit. Weitere Wohngruppen in Spe zu unterstützen und weitere Projekte anzuschieben. Besonders in der Gruppe der Menschen, die das Wohnen im Alter, vorzugsweise in generationenübreifender Form, kooperativ gestalten wollen, zeigte sich bereits großes Interesse an den Martinswerk-Strukturen. Der Vorstand und die Mitglieder halten es für sehr sinnvoll, den Verein um diesen Inhalt zu erweitern. Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen ist die Selbstorganisation für viele Menschen der einzige aussichtsreiche Weg, das Alter in Würde zu erleben. Die Vorstandsarbeit des Vereins wegen den weggesparten Stellen für Studentenpfarrer heute nicht mehr von Kirchenvertretern und "Honoratioren", sondern von einem Rechtsanwalt, einem Immobilienwirtschaftler aus dem gemeinnützigen Bereich und VertreterInnen der Haus- und der Wohngemeinschaften natürlich weiterhin ehrenamtlich bestritten. Die wachsende Komplexität der Vereinsaufgeben erfordert neben der mittlerweile reichen Erfahrung der Geschäftsführung auch im Vorstand juristischen und immobilienwirtschaftlichen Sachverstand. Leitlinie des Handelns bleibt eine solidarische, genossenschaftlichen Prinzipien folgende Basisdemokratie im Verein.
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